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First Ladies machen Geschichte

Große Männer machen Geschichte, hieß es früher. Aber wie immer ist die Sache, wenn man genau hinschaut, komplizierter – und spannender. Es ist ein faszinierendes und zugleich kein leichtes Unterfangen, dem Phänomen der First Ladies und ihrem Beitrag zur Geschichte dieses Landes auf die Spur zu kommen. Angesprochen auf die Frage, welche Rolle sie spielten, wird stets größte Bescheidenheit an den Tag gelegt.

Vielleicht gehen die Damen dabei nicht so weit wie einst Mamie Eisenhower: »Ike kümmert sich um das Land und ich mich um die Schweinekoteletts.« Aber zunächst ist man doch mit einer Aussage konfrontiert, die da lautet: »Nicht ich wurde gewählt, sondern mein Mann.«  Das ist vollkommen korrekt – aber eben doch nur die halbe Wahrheit. Keine dieser Frauen würde jemals öffentlich zugeben, dass sie ihren Mann in dieser oder jener wichtigen Frage beeinflusst, ihm zu dieser oder jener Taktik oder Entscheidung geraten hat. Das würde ihr den Vorwurf der Selbstüberschätzung einbringen und darüber hinaus ihren Mann dauerhaft beschädigen.

Ziel dieses Buches ist es also, hinter die Rhetorik zu schauen, zu fragen, auf welchen Kanälen und mit welchen Mitteln bewusst und vielleicht zuweilen auch unbewusst Gestaltungsmacht wahrgenommen wurde, inwiefern die First Ladies durch ihre Persönlichkeit, durch ihren Stil oder durch ganz gezielte Beiträge Einfluss nahmen.

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Hier wird «ihre Seite der Geschichte» erzählt. Über die First Ladies eröffnet sich ein weiblicher Blick auf unser Land.

Man kann als First Lady unendlich viel machen, man hat die ganze abgeleitete Autorität auf seiner Seite und kann eine breite Öffentlichkeit erreichen. – Christina Rau

Die First Ladies der letzten 70 Jahre entfalteten ihre Macht auf ganz unterschiedliche Weise. Einige, wie Elly Heuss-Knapp oder Doris Schröder-Köpf, waren selbst ausgeprägt politische Köpfe, die eng mit ihren Ehemännern zusammenarbeiteten und zu unverzichtbaren Sparringspartnern wurden. Andere wirkten eher atmosphärisch, bauten persönliche Kontakte zu ausländischen Regierungs- und Staatschefs sowie deren Partnerinnen und Partnern auf, ergänzten ihren Ehemann. So war es für den zurückhaltend, ja zuweilen distanziert wirkenden Willy Brandt ein Segen, die charmante und unkomplizierte Rut an seiner Seite zu wissen, die so manche Schrulligkeit mit einem Lächeln auszubügeln verstand. Und wieder andere machten einfach ihr eigenes Ding. Mildred Scheel zum Beispiel trat selbst in Aktion – und zwar im ganz großen Stil.

Die First Ladies sind immer auch ein Stück weit Spiegelbild der Gesellschaft und erlauben einen ungewohnten Blick auf die Geschichte des Landes. Am Beispiel der Ersten Damen im Staat wird greifbar, wie sich Rollenbilder gewandelt haben und welchen Weg die Frauen in Deutschland in den letzten siebzig Jahren zurückgelegt haben.